Veröffentlichung in der Presse

zu Reiterferien in der
MONGOLEI


Im Norden der Mongolei

Die Pferde traben tapfer über Wurzeln und Steine

VON CHRISTINE WOLLOWSKI

Wenn Mongolen reisen, dann heißt das Reiten, Reiten, Reiten. Sie haben die Beine zum Reiten bekommen und nicht zum Gehen. Ein Bus ist nicht das richtige Fortbewegungsmittel in einem Land, das viereinhalbmal so groß ist wie Deutschland, und in dem es keine einzige Autobahn gibt. Am Rand von Murun, der nördlichsten Provinzhauptstadt der Mongolei, wird die Straße zur Piste und verzweigt sich alsbald in unzählige Reifenspuren. Jeder Fahrer sucht seinen eigenen Weg, und der ist immer holprig.

Es dämmert schon am Hubsgulsee, von dem aus wir zu Pferd in die Taiga wollen. Die Luft duftet nach Lärchen, Holzfeuer und See. Mutter Meer nennen die Mongolen den Hubsgulsee. Er ist so groß wie der Bodensee, sein Wasser, türkisblau und glasklar, hat beste Trinkqualität. Zwischen den Lärchen stehen Ziegen und Yaks im lichten Gras. In der großen Gastjurte spielen drei junge Leute mongolische Lieder.

Mehr Gepäck als auf zwei Lastpferde paßt, ist für die Taiga-Tour nicht erlaubt. Luxus können Touristen in diesem Land nicht erwarten, auch wenn die Köchin beachtliche Essenskisten verstaut. Die kleine Karawane aus neun Pferden, drei Touristen, Bjamba und Hoiga, den Pferdeburschen, Zewelee, der Köchin, und Odon, dem Dolmetscher, setzt sich in Bewegung. Pferdehufe trappeln über Edelweißwiesen und durch lichte Lärchenwälder am Seeufer.

Bis zum Horizont ist kein Mensch zu sehen. Nach Stunden tauchen am Wegrand Zelte von Heusammeln auf, Holgas Mutter und zwei seiner Brüder haben sie aufgestellt. In den obligatorischen Tee für die Gäste gießt die Mutter frische Stutenmilch. Die Abende werden kühler, je weiter nördlich es in Richtung Taiga geht. Einer holt Wasser im See, einer sammelt Holz. Die Köchin liest hinten in ihrem Heftchenroman. Vorn reißt sie die gelesenen Seiten heraus, um Feuer damit anzuzünden. Sie kocht Nudelsuppe mit Hammelfleisch als Vorspeise, Hammelfleisch mit Reis, Kohl und Salat als Hauptgericht und nach Hammel duftenden Tee zum Nachtisch. Alles im gleichen gußeisernen Topf, den drei Steine über dem Feuer halten.

Später rücken alle immer näher ans Feuer und spielen Spiele: Wie viele Steine habe ich in meiner Hand versteckt? Das Mondlicht spiegelt sich im See, die Pferde grasen im Umkreis des Lagers, alles ist still. Als es am nächsten Tag so richtig steil zum Paß hinaufgeht, fängt es an zu regnen. Die Gipfel sind von einem Nebelschleier verhüllt. Als Alices blauer Mantel im Wind flattert, bekommt ihr sonst so nervenstarkes Pferd Panik. Es bockt und hüpft und dreht sich immer schneller im Kreis, bis Allee unten hegt. Entsetzt verschwindet das Pferdchen im Gebüsch und schlägt verzweifelte Haken, bis Hoiga es wieder einfängt. An Touristenkleidung sind die Mongolenpferde wohl noch nicht gewöhnt. Oben am Paß steht ein großes Owo in einer Edelweißwiese. Schamanen errichten diese Opferstellen aus Ästen. Wer auf ein Owo trifft, umkreist es dreimal im Uhrzeigersinn und hinterläßt seine Gaben. Alice opfert Bonbons, Dieter Aspirintabletten, ein paar rasch gepflückte Heidelbeeren legen unsere Begleiter nieder, wie üblich. Hoiga hat seinem Pferd zusätzlich ein paar Schweifhaare ausgerupft, die er ebenfalls als Opfer darbringt. Damit nicht genug, auf einem Klotz entzündet er ein Häufchen Weihrauch, betrachtet das Glimmen und scheint sehr versunken. "Sie glauben, wenn einer auf einer Reise vom Pferd fällt, kann auch noch Schlimmeres passieren", murmelt Odon verlegen. Da holen auch die anderen noch ein paar Schweifhaare, um mögliches Unglück abzuwenden. Man braucht an Glücksbringer nicht unbedingt zu glauben, aber sie festigen den Mut.

Der Schamanimus hat in der Mongolei jede andere Religion überlebt, seit im 16. Jahrhundert zunächst der buddhistische Lamaismus offiziell eingeführt wurde. In den 30er Jahren dieses Jahrhunderts fielen fast alle Klöster und viele tausend Mönche sozialistischen Eiferern zum Opfer. Die ersten Ordenshäuser sind längst wiedereröffnet. Alte schamanistische Rituale leben weiter, zumindest auf dem Land unter den Viehzüchtern, und das sind immerhin die Hälfte aller Mongolen.

Plötzlich bekommen Odon und Bjamba Appetit auf Kurnys, fermentierte Stutenmilch. Also bewegt sich die ganze Karawane zielstrebig auf die nächste Jurte zu. Unaufgefordert stellt der von uns heimgesuchte Pferdezüchter eine Fünfliterflasche Kumys auf den Tisch und gießt das erste Glas voll. Die Fremden werden nicht gleich mit Fragen überfallen. Es dauert zwei Runden Kunrys, bis der Alte wissen will: War Euer Weg leicht und gut?

Er besitzt 40 Pferde. Den Fohlen gehtes gut. An ihrem Hals baumelnde Schulterknochen von Hammeln sollen sie vor Wölfen schützen. Sein Sohn zeigt seinen Zazal, ein Holzlöffel, in dessen zwölf Vertiefungen die Sternzeichen eingeschnitzt sind. Mit dem Zazal verspritzt man morgens nach dem Melken ein paar Tropfen der besten Milch in alle Himmelsrichtungen. "Sag den Leuten bei euch zu Hause, wir Mongolen bekommen so viel von der Natur, deswegen geben wir ihr jeden Tag etwas zurück."

Aufbruch in die Taiga. Dort leben die Tsaatan, Rentierzüchter mit eigener Sprache und Kultur. Basar, ein Ortskundiger, soll den Weg finden. Die Reise wird immer mongolischer. An Gepäck hat jeder nur noch, was er am Körper trägt plus Zahnbürste und Schlafsack, Am zweiten Tag fängt es an zu schneien. Ein eisiger Wind treibt dicke Flocken vor sich her. Die Pferde traben tapfer über Wurzeln und Steine, als wüßten sie, daß Umkehren keinen Zweck hat. Zwei Stunden könne es noch dauern, läßt sich Basar schließlich entlocken.

Zwei Stunden später schneit es immer noch. Wir stoßen auf behauene Baumstämme, Stoffetzen und andere Reste eines Lagerplatzes. Die Tsaatan müssen weitergezogen sein. Also wieder traben, traben, bis Bjamba die Hand hebt. Ganz hinten stehen tatsächlich Zelte. , Im Zelt knistert ein Ofen, Kinder haben die Pferde versorgt, eine alte Frau legt schweigend Holz nach und kocht Tee mit viel Rentiermilch. Er ist heiß und gut, Rentiermilch hat 14 Prozent Fett. Neugierig drängen sich die Finder in der anderen Hälfte des Zeltes, lutschen unsere letzten Bonbons.

Seit drei Jahren kommen ab und an Touristen zu den Tsaatan, die nach alten Regeln in einfachen Zelten aus Planen und jungen Baumstämmen leben, auf vertrocknetem Gras und ein paar Fellen schlafen. Die alte Frau opfert noch von jeder Kanne ein paar Tropfen Tee für den Feuergott, der im Ofen wohnt. Aber nicht alle Traditionen halten dem Tourismus stand. Seit Japaner Medikamente dagelassen haben, sind schon einige Heilkräuter in Vergessenheit geraten. Wofür die fremden Tabletten gut sind oder wie lange sie schon da liegen, weiß allerdings niemand so genau. Nachts breitet die alte Frau ein Rentierfell als Unterlage aus, damit die Touristen nicht so frieren. Im Ofen glimmt die letzte Glut, durch die Öffnung im Zeltdach sieht man das Mondlicht.

Am nächsten Tag scheint die Sonne. Die alte Frau hat kleine Fettkuchen gebacken und Tee gekocht. Als alle schon auf dem Pferd sitzen, kommt sie noch einmal, zieht etwas aus der Tiefe ihres Umhangs und überreicht mit beiden Händen ein Geschenk: zwei Rentierschwänzchen, samtweich und klein. Ein Lächeln zum Abschied. Dann reiten die Besucher weiter.

- verantwortlich: Barbara Uecker

WIE und WO

Reittouren in der Hubsgul-Provinz und in die Taiga organisiert der Spezialveranstalter "Pferd & Reiter' (Rader Weg 30 a, 22889 Tangstedt).

Fortgeschrittene Reitkünste sind dabei weniger wichtig als eine gute Kondition, nicht zuletzt wegen der starken Temperaturschwankungen von bis zu 30 Grad tagsüber zu Minusgraden in der Nacht.

Beste Reitzeit ist von Juni bis September.

Aufgelesen: Der brauchbarste Reiseführer ist der Band "Mongolei" .

(Aus der SZ)


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