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ESTLAND |
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und will dazu ihre Pferde zum Einsatz bringen Muhu war schon frühzeitig richtig fortschrittlich.
Als Estnisch noch als Bauernsprache galt und die Esten im eigenen Land
Leibeigene und damit von Bildung und Politik ausgeschlossen waren, gab
es auf Muhu schon freie Bauern. Sie mußten ihrem Landesherrn als
berittene Boten dienen und ihm jährlich ein Festmahl ausrichten.
Das war nicht einfach auf der rund 200 Quadratkilometer großen Insel
im Westen Estlands: In der dünnen Erdschicht über dem Kalkstein
wollte nur Wacholder freiwillig wachsen, der Fischfang war spärlich,
das Wetter rauh. Doch die Männer von Muhu waren zäh und schlau.
Sie gingen als Baumeister aufs Festland, fuhren als Seeleute aufs Meer,
und schafften es, den Landesherrn zufriedenzustellen und ihre Familien
zu ernähren. Wenn die Männer zu Weihnachten heimkamen und bei
ihren Frauen am Herdfeuer saßen, besprachen sie in den verräucherten
Bauernstuben Muhus die Weltpolitik.
Bauklötze eines Riesen Die Männer von Muhu kehren zurück auf ihre Insel, auch wenn
sie Jahre durch die Welt gezogen sind. Imre Sauer kam aus Kanada zurück.
Eigentlich wollte er seinem holländischen Geschäftspartner
in den Ferien seine Heimat zeigen. Ehe sich die beiden versahen, hatten
sie das alte Herrenhaus von Pädaste gekauft und mußten sehen,
wie sie das stark renovierungsbedürftige Gemäuer erhalten.
In der ehemaligen Brauerei haben sie ein holzgetäfeltes Pub eingerichtet,
in einem anderen Gebäude ein Vier-Zimmer-Hotel mit Sauna. Das Herrenhaus
muß auf seine Renovierung noch ein bißchen warten, bis die
Wirtschaft in Estland soweit gewachsen ist, daß auch die Nachfrage
nach Luxushotels steigt.
Touristen kommen seit etwa drei Jahren auf die Insel, vor allem aus
Finnland. Die meisten sehen sich auf Muhu nur kurz um, bevor sie weiterfahren
auf die größere Nachbarinsel Saarema, die ihnen Heilschlammbäder,
einen Segelhafen und eine alte Ritterburg bieten kann. In Saaremas Hauptstadt
Kuressare gibt es mehrere Hotels und Restaurants, auf Muhu kaum mehr
als das Herrenhaus Pädaste und einige Bauernhöfe. 15 000 Bustouristen
sind im letzten Jahr mit der Fähre von Virtsu übergesetzt
- Individualtouristen hat niemand gezählt. Doch der Tourismus ist
die größte Hoffnung der 2200 Einwohner, seit es mit der Unabhängigkeit
in der Landwirtschaft bergab ging. Offiziell gibt es 16 Prozent Arbeitslose
auf Muhu. Etwa die Hälfte der Inselbewohner sind Rentner und schlagen
sich mit höchstens 120 Mark Rente durch. Nebenbei verkaufen manche
selbstgezogene Blumen und Gemüse. Wer ein Gemüsebeet im Garten
und ein paar Kühe im Stall hat, meldet sich nicht arbeitslos. Für
kaum 70 Mark im Monat überwinden die wenigsten Muhu-Männer
ihren Stolz. Eher gehen sie fort. Höfe stehen leer Tiius Mann Priit hat nach dem Ende der Kolchosen günstig eine
1-Iolzwerkstatt übernehmen können, zwei hohe Räume mit
großen Sprossenfenstern, ausgestattet mit den wichtigsten Säge-
und Schleifmaschinen. Hier verarbeitet er zusammen mit seinem Bruder
Jaan das Holz der Wacholderbüsche. Die Formen für Salzdosen,
Serviettenhalter, Knöpfe und hölzerne Schöpflöffel
haben sie sich selbst ausgedacht, die Werkzeuge für die Feinarbeit
zum Teil selbst gebaut. Massenproduktion lehnen sie ab, ihre Leidenschaft
gilt sorgfältig in Handarbeit geleimten und geschliffenen Stücken.
Die Werkstatt der beiden Brüder liegt versteckt hinter einem
großen flachen Gebäude; dem größten wachholzverarbeitenden
Betrieb Estlands. 16 junge Leute sitzen hier an den Schleif- und Fräsmaschinen.
Vor lauter Holzstaub ist kaum etwas zu erkennen in der Werkhalle, Technomusik
in Partylautstärke überdröhnt den Lärm der Maschinen.
15 000 bis 20 000 Holzlöffel, Brieföffner und andere hölzerne
Kleinteile entstehen jeden Tag hier, 80 Prozent der Produktion werden
nach Schweden und Finnland exportiert - Wirtschaftswachstum auf Muhu.
Das Dorf Koguva an der Westküste der Insel, keine vierzig Kilometer
entfernt, sieht bis heute so aus wie vor 400 Jahren: Reetgedeckte Dächer,
niedrige langgezogene Gebäude aus Kalkstein und Holz, viele Blumen.
Das Dorf ist seit 1968 ethnographisches Schutzgebiet; ein bewohntes
Museum. Seit den 30er Jahren ist die Bevölkerung allerdings von
150 Menschen auf heute 30 geschrumpft.
Die über 80jährige Eva hat vor ein paar Jahren ihre Enkel
aus der Stadt hergeholt, damit sie den Hof und die alte Dame pflegen.
Die groben Dielen in ihrer Bauernstube sind rostrot gestrichen, neben
dem riesigen alten Ofen steht ein moderner Heizkörper, und seit
1964 gibt es sogar Strom.
Auf dem Steinwall, der den Hof eingrenzt, liegt ein uraltes umgedrehtes
Boot. Die Fischer von Muhu sahen ihre Boote als alte Freunde, die man
nur in der Mittsommernacht beim Johannisfeuer verbrennen durfte. Zwar
ergab sich im 13. Jahrhundert auch Muhu als eine der letzten Ecken Estlands
der Übermacht der Kreuzritter, doch die neue Religion blieb den
Fischern und Bauern fremd. Das Schamanentum konnte erst der Sozialismus
besiegen. Das heißt, fast. Auf der Nachbarinsel Saarema gibt es
noch einen Schamanen.
Martin Kivisoo (der Partner von PFERD & REITER ; P&R) kennt seit seiner
Kindheit auch auf Muhu alte Ritualsteine. Für Touristen hat er
sich eine Inseltour ausgedacht, die sie an vorchristlichen Kultstätten
vorbeiführt. Zu Pferd oder in der Kutsche sollen sie durch Wälder
und Wiesen streifen, vorbei an heiligen Eichen, die im Halbkreis wachsen,
vorbei an der Stelle, wo sich sieben Wege kreuzen, bis zum versteinerten
Mann am Meer bei Lalli. Der Mann hatte seiner jungen Frau bei der Hochzeit
versprochen: Eher bewegt sich die Insel Kessulaid bis ins Dorf, als
daß ich aufhöre, dich zu lieben. Weil er sein Versprechen
nicht halten konnte, muß er bis in alle Ewigkeit auf die Insel
sehen. Finnische Lektionen Auch Martin wollte Touristen in die Einsamkeit holen. Mutig baute
der heute 53 Jahre alte Philologe den Hof seines Vaters zum Gästehaus
um. Tapezierte die winzigen Zimmer, strich die Dielen, kaufte Gästebetten
- und Pferde. Pferde waren schon lange Martins Leidenschaft gewesen:
Selbst als es in der sozialistischen Zeit verboten war, Privatpferde
zu halten, besaß er vier. Reiterurlaub auf dieser Insel, auf der
es kaum mehr als zwei Asphaltstraßen gibt, dafür aber Vögel,
Blumen, würzige Luft - das müßte den Städtern doch
gefallen, dachte Martin. Viele Briefe hat er geschrieben, an finnische
Reitvereine, deutsche Reiseveranstalter, an EU-Kommissionen für
Förderprogramme.
Jetzt weiden auf Martins Wiesen 80 estnische Pferde, im Hof können
19 Gäste wohnen, und im Juni ist er schon beinahe ausgebucht. Wenn
alles gutgeht, wird die EU ihn beim Ausbau der Touristenroute unterstützen.
Wenn nicht, will er trotzdem weitermachen: die Wege in Ordnung bringen
und vor dem Hof ein CafÉ für die Gäste bauen.
Abends duftet der Wacholder im Räucherofen, in dem frischgefangene
Fische am Spieß schwitzen. Hans, der Reitknecht, hat sich an den
warmen Rauchschacht gelehnt. Riita, das Pferdemädchen flickt ein
Zaumzeug, und Siiria, die Köchin, reiht noch mehr kleine Fische
auf Spieße. Heute sind keine Touristen hier. Flieder und Maiglöckchen
leuchten in der Abenddämmerung, die Luft ist klar und das Licht
heller als anderswo. CHRISTINE WOLLOWSKI (Süddeutsche Zeitung)
Estland, der kleinste der baltischen Staaten, ist seit 1991 unabhängig. Die Wirtschaft hat sich seitdem rasch, der Tourismus langsam entwickelt: Hauptsächlich kommen die Finnen per Fähre in das Land - viele nur in die Hauptstadt Tallinn. Die beste Reisezeit für Estland ist der kurze Sommer (Juni bis September), in dem Tagestemperaturen von bis zu 30 Grad erreicht werden. Nachts bleibt es auch dann kühl. Einreise (Daten aktualisiert): Flüge nach
Tallinn - so auch mit FinnAir - ab allen deutschen Flughäfen. Erforderlich
ist ein Reisepass, kein Visum. Reisen auf die Insel Muhu zu Martin Kivisoo
bietet der Reiseveranstalter PFERD
& REITER an. Eine Woche Aufenthalt mit Vollpension und
Reitausflügen kostet 322,- Euro.
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