Veröffentlichung in der Presse

ESTLAND



Eine arme, aber idyllische Region setzt auf die Touristen
und will dazu ihre Pferde zum Einsatz bringen

Muhu war schon frühzeitig richtig fortschrittlich. Als Estnisch noch als Bauernsprache galt und die Esten im eigenen Land Leibeigene und damit von Bildung und Politik ausgeschlossen waren, gab es auf Muhu schon freie Bauern. Sie mußten ihrem Landesherrn als berittene Boten dienen und ihm jährlich ein Festmahl ausrichten. Das war nicht einfach auf der rund 200 Quadratkilometer großen Insel im Westen Estlands: In der dünnen Erdschicht über dem Kalkstein wollte nur Wacholder freiwillig wachsen, der Fischfang war spärlich, das Wetter rauh. Doch die Männer von Muhu waren zäh und schlau. Sie gingen als Baumeister aufs Festland, fuhren als Seeleute aufs Meer, und schafften es, den Landesherrn zufriedenzustellen und ihre Familien zu ernähren. Wenn die Männer zu Weihnachten heimkamen und bei ihren Frauen am Herdfeuer saßen, besprachen sie in den verräucherten Bauernstuben Muhus die Weltpolitik.

Inzwischen spricht die Welt über Estland als baltischem Tiger, weil die Reformen so schnell gingen: Schon 1997 wickelte Estland mehr als die Hälfte seines Außenhandels mit der Europäischen Union (EU) ab, als einziges osteuropäisches Land konnte es ein Assoziierungsabkommen ohne Übergangsfrist mit der EU aushandeln. Die Wirtschaft wächst rund vier Prozent im Jahr, die Inflation ist auf unter zehn Prozent gesunken. Ein Drittel der Bevölkerung wohnt in der Hauptstadt, wo die Jugend die Führung übernommen hat: Eine 30jährige baute vor zwei Jahren die estnische Börse auf, die Tallinn Bank leitet ein 29jähriger, auch Staatssekretäre unter 30 sind keine Seltenheit.

Bauklötze eines Riesen
Muhu ist nur zwei Stunden von Tallinn entfernt. Doch hier gibt es kaum Wirtschaft, die wachsen könnte: Auf Muhu wächst bis heute am schnellsten der Wacholder. An der Südküste der Insel werden die Büsche meterhoch, große Steine liegen dazwischen, vielleicht vom Riesen Kalevipoeg verstreut, der nach der estnischen Legende als Kind seine Bauklötze aus Granit geschnitzt haben soll. In Pädaste residierte bis 1919 Baron von Buxhoeven, dem damals fast die ganze Insel gehörte. Vom Herrenhaus mit dem Blick auf die rauchblaue See und den Sonnenuntergang blättert inzwischen die angegraute Farbe, Fenster im Erdgeschoß sind mit Brettern vernagelt, die Treppenstufen zum Portal bröckeln. Doch die Rasenflächen sind geschnitten, Blumen blühen, und ein Kellner wienert die weißen Gartentische.

Die Männer von Muhu kehren zurück auf ihre Insel, auch wenn sie Jahre durch die Welt gezogen sind. Imre Sauer kam aus Kanada zurück. Eigentlich wollte er seinem holländischen Geschäftspartner in den Ferien seine Heimat zeigen. Ehe sich die beiden versahen, hatten sie das alte Herrenhaus von Pädaste gekauft und mußten sehen, wie sie das stark renovierungsbedürftige Gemäuer erhalten. In der ehemaligen Brauerei haben sie ein holzgetäfeltes Pub eingerichtet, in einem anderen Gebäude ein Vier-Zimmer-Hotel mit Sauna. Das Herrenhaus muß auf seine Renovierung noch ein bißchen warten, bis die Wirtschaft in Estland soweit gewachsen ist, daß auch die Nachfrage nach Luxushotels steigt.

Touristen kommen seit etwa drei Jahren auf die Insel, vor allem aus Finnland. Die meisten sehen sich auf Muhu nur kurz um, bevor sie weiterfahren auf die größere Nachbarinsel Saarema, die ihnen Heilschlammbäder, einen Segelhafen und eine alte Ritterburg bieten kann. In Saaremas Hauptstadt Kuressare gibt es mehrere Hotels und Restaurants, auf Muhu kaum mehr als das Herrenhaus Pädaste und einige Bauernhöfe. 15 000 Bustouristen sind im letzten Jahr mit der Fähre von Virtsu übergesetzt - Individualtouristen hat niemand gezählt. Doch der Tourismus ist die größte Hoffnung der 2200 Einwohner, seit es mit der Unabhängigkeit in der Landwirtschaft bergab ging. Offiziell gibt es 16 Prozent Arbeitslose auf Muhu. Etwa die Hälfte der Inselbewohner sind Rentner und schlagen sich mit höchstens 120 Mark Rente durch. Nebenbei verkaufen manche selbstgezogene Blumen und Gemüse. Wer ein Gemüsebeet im Garten und ein paar Kühe im Stall hat, meldet sich nicht arbeitslos. Für kaum 70 Mark im Monat überwinden die wenigsten Muhu-Männer ihren Stolz. Eher gehen sie fort.

Höfe stehen leer
Auf den steinigen Feldern arbeiten vor allem gebückte schwarzgekleidete Frauen, viele Höfe stehen leer. Im letzten Jahr wurden nur 12 Kinder auf der Insel geboren. Wenn die Bevölkerung weiter so schrumpft, werden in 50 Jahren nur noch 300 Menschen auf Muhu leben. Tiiu und Priit Saartok haben nie daran gedacht, wegzugehen. Tiiu hat ihr blondes Haar unter einem Kopftuch versteckt, als sie im Stall steht und ihre fünf Kühe melkt. Ihre Jeans sind geflickt die Füße stecken in alten Gummi-Galoschen, doch ihre Augen leuchten zufrieden. Sie ist so uneitel, wie man eben ist, wenn man Stallarbeit liebt. Tiiu hat Glück gehabt. Nachdem sie in Tartu Agrarwissenschaften studiert hatte, war sie als Spezialistin für Milchwirtschaft in den Kolchosen sehr gefragt. Doch die Zeit der Kolchosen war bald vorbei. Jetzt kontrolliert Tiiu bei anderen Kleinbauern, ob deren Milchproduktion den Anforderungen für staatliche Subventionen genügen. Und weil das Einkommen schmal ist, macht sie aus ihrer hellen, freundlichen Bauernstube, in der über dem riesigen Ofen Kinderwäsche trocknet, jeden Montag einen Tante-Emma-Laden. Da verkauft sie Wurst, Käse und Brot an ihre Nachbarinnen, die sonst zehn Minuten mit dem Auto zum nächsten Laden fahren müßten.

Tiius Mann Priit hat nach dem Ende der Kolchosen günstig eine 1-Iolzwerkstatt übernehmen können, zwei hohe Räume mit großen Sprossenfenstern, ausgestattet mit den wichtigsten Säge- und Schleifmaschinen. Hier verarbeitet er zusammen mit seinem Bruder Jaan das Holz der Wacholderbüsche. Die Formen für Salzdosen, Serviettenhalter, Knöpfe und hölzerne Schöpflöffel haben sie sich selbst ausgedacht, die Werkzeuge für die Feinarbeit zum Teil selbst gebaut. Massenproduktion lehnen sie ab, ihre Leidenschaft gilt sorgfältig in Handarbeit geleimten und geschliffenen Stücken.

Die Werkstatt der beiden Brüder liegt versteckt hinter einem großen flachen Gebäude; dem größten wachholzverarbeitenden Betrieb Estlands. 16 junge Leute sitzen hier an den Schleif- und Fräsmaschinen. Vor lauter Holzstaub ist kaum etwas zu erkennen in der Werkhalle, Technomusik in Partylautstärke überdröhnt den Lärm der Maschinen. 15 000 bis 20 000 Holzlöffel, Brieföffner und andere hölzerne Kleinteile entstehen jeden Tag hier, 80 Prozent der Produktion werden nach Schweden und Finnland exportiert - Wirtschaftswachstum auf Muhu. Das Dorf Koguva an der Westküste der Insel, keine vierzig Kilometer entfernt, sieht bis heute so aus wie vor 400 Jahren: Reetgedeckte Dächer, niedrige langgezogene Gebäude aus Kalkstein und Holz, viele Blumen. Das Dorf ist seit 1968 ethnographisches Schutzgebiet; ein bewohntes Museum. Seit den 30er Jahren ist die Bevölkerung allerdings von 150 Menschen auf heute 30 geschrumpft.

Die über 80jährige Eva hat vor ein paar Jahren ihre Enkel aus der Stadt hergeholt, damit sie den Hof und die alte Dame pflegen. Die groben Dielen in ihrer Bauernstube sind rostrot gestrichen, neben dem riesigen alten Ofen steht ein moderner Heizkörper, und seit 1964 gibt es sogar Strom.

Vier Zimmerchen mit insgesamt vielleicht 50 Quadratmetern waren genug Wohnfläche für 22köpfige Familien. Dafür gab es mehrere Nebengebäude: Ställe, Speicher und für jeden Hof eine Sauna. Darin wohnten eigentlich Schafe. Nur samstags wurden sie in einen Nebenraum getrieben und der Ofen mit Wachholz eingeheizt. Wenn Stroh und Mist am Saunaboden gut getrocknet waren, hockte sich die Familie auf die Lattenbänke und schwitzte in dem niedrigen Schuppen im dichten Rauch, der nirgends abziehen konnte. Wer einen Schornstein wollte, mußte extra Gebühren an den Herrn zahlen. Eva hat ihre rußige Sauna schon lange nicht mehr betreten, heute lagert Gartengerät darin.

Auf dem Steinwall, der den Hof eingrenzt, liegt ein uraltes umgedrehtes Boot. Die Fischer von Muhu sahen ihre Boote als alte Freunde, die man nur in der Mittsommernacht beim Johannisfeuer verbrennen durfte. Zwar ergab sich im 13. Jahrhundert auch Muhu als eine der letzten Ecken Estlands der Übermacht der Kreuzritter, doch die neue Religion blieb den Fischern und Bauern fremd. Das Schamanentum konnte erst der Sozialismus besiegen. Das heißt, fast. Auf der Nachbarinsel Saarema gibt es noch einen Schamanen.

Martin Kivisoo (der Partner von PFERD & REITER ; P&R) kennt seit seiner Kindheit auch auf Muhu alte Ritualsteine. Für Touristen hat er sich eine Inseltour ausgedacht, die sie an vorchristlichen Kultstätten vorbeiführt. Zu Pferd oder in der Kutsche sollen sie durch Wälder und Wiesen streifen, vorbei an heiligen Eichen, die im Halbkreis wachsen, vorbei an der Stelle, wo sich sieben Wege kreuzen, bis zum versteinerten Mann am Meer bei Lalli. Der Mann hatte seiner jungen Frau bei der Hochzeit versprochen: Eher bewegt sich die Insel Kessulaid bis ins Dorf, als daß ich aufhöre, dich zu lieben. Weil er sein Versprechen nicht halten konnte, muß er bis in alle Ewigkeit auf die Insel sehen.

Finnische Lektionen
Martin ist nie lange von Muhu fortgewesen. Nachdem er in Tartu estnische Philologie studiert hatte, leitete er lange Jahre das Museumsdorf Koguva. Als seine letzte Großtante starb, mußte er den väterlichen Hof übernehmen. Estland war gerade wieder unabhängig geworden, und der Landwirtschaft ging es schlechter als vorher. Da las Martin in der Zeitung von Vorlesungen über Tourismus, die ein Finne auf Saarema hielt. Riku Lehtinen war kein Tourismus-Experte, aber "als extrem Schwerhöriger habe ich viel Erfahrung damit, mich durchzukämpfen", erzählt er. Den Bauern von Muhu und Saarema erklärte er, wie Kapitalismus und Werbung funktionieren. "Damals gab es hier gar nichts", sagt Riku, "und vor allem waren die Leute nicht daran gewöhnt, eigene Ideen zu entwickeln. Ich habe versucht, ihnen zu erklären, daß sie von etwas überzeugt sein müssen, wenn es klappen soll."

Auch Martin wollte Touristen in die Einsamkeit holen. Mutig baute der heute 53 Jahre alte Philologe den Hof seines Vaters zum Gästehaus um. Tapezierte die winzigen Zimmer, strich die Dielen, kaufte Gästebetten - und Pferde. Pferde waren schon lange Martins Leidenschaft gewesen: Selbst als es in der sozialistischen Zeit verboten war, Privatpferde zu halten, besaß er vier. Reiterurlaub auf dieser Insel, auf der es kaum mehr als zwei Asphaltstraßen gibt, dafür aber Vögel, Blumen, würzige Luft - das müßte den Städtern doch gefallen, dachte Martin. Viele Briefe hat er geschrieben, an finnische Reitvereine, deutsche Reiseveranstalter, an EU-Kommissionen für Förderprogramme.

Jetzt weiden auf Martins Wiesen 80 estnische Pferde, im Hof können 19 Gäste wohnen, und im Juni ist er schon beinahe ausgebucht. Wenn alles gutgeht, wird die EU ihn beim Ausbau der Touristenroute unterstützen. Wenn nicht, will er trotzdem weitermachen: die Wege in Ordnung bringen und vor dem Hof ein CafÉ für die Gäste bauen.

Abends duftet der Wacholder im Räucherofen, in dem frischgefangene Fische am Spieß schwitzen. Hans, der Reitknecht, hat sich an den warmen Rauchschacht gelehnt. Riita, das Pferdemädchen flickt ein Zaumzeug, und Siiria, die Köchin, reiht noch mehr kleine Fische auf Spieße. Heute sind keine Touristen hier. Flieder und Maiglöckchen leuchten in der Abenddämmerung, die Luft ist klar und das Licht heller als anderswo.

CHRISTINE WOLLOWSKI (Süddeutsche Zeitung)

Informationen

Estland, der kleinste der baltischen Staaten, ist seit 1991 unabhängig. Die Wirtschaft hat sich seitdem rasch, der Tourismus langsam entwickelt: Hauptsächlich kommen die Finnen per Fähre in das Land - viele nur in die Hauptstadt Tallinn. Die beste Reisezeit für Estland ist der kurze Sommer (Juni bis September), in dem Tagestemperaturen von bis zu 30 Grad erreicht werden. Nachts bleibt es auch dann kühl.

Einreise (Daten aktualisiert): Flüge nach Tallinn - so auch mit FinnAir - ab allen deutschen Flughäfen. Erforderlich ist ein Reisepass, kein Visum. Reisen auf die Insel Muhu zu Martin Kivisoo bietet der Reiseveranstalter PFERD & REITER an. Eine Woche Aufenthalt mit Vollpension und Reitausflügen kostet 322,- Euro.
Informationen: PFERD & REITER, Rader Weg 30 A, 22889 Tangstedt, Telephon 040/607669-0.


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