Veröffentlichung in der Presse

zu Reiterferien in der
TOSKANA


WESTERNREITEN

in der Toskana ist ein Vergnügen für die ganze Familie. Auch Anfänger lernen schnell, mit den geduldigen Pferden umzugehen. Und dürfen bald ins Gelände

Birgit hat noch nie auf einem Pferd gesessen. Will sie nicht, kann sie nicht und muss sie auch, nicht. Überhaupt ist die Kärntnerin nur hier, weil sie mit ihrem Freund Günther und dessen Sohn Christopher am Wochenende weiter ans Meer will und solange warten muss. Also sitzen die 29-jährige Birgit und ihre neunjährige Tochter Martina am liebsten unter der efeubedeckten Pergola und spielen Karten.

Günther, 43, und Christopher, 15, dagegen sind alte Hasen auf der »Azienda Monte Amiata« in einem Weiler in der Maremma, eine Landschaft in der südlichen Toskana. Weil Günther das Jahr über als Monteur in Russland und anderswo Papierfabriken errichtet, gönnen sich die beiden seit langem immer wieder eine Vater-und-Sohn-Intensiv-Woche auf dem mittelitalienischen Westernreithof.

An den waldreichen Hängen des erloschenen Vulkans Monte Amiata erstreckt sich das 120 Hektar große Gelände der Azienda, seit Jahren ein Geheimtipp für Westernreiter aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Denn hier kann man, wie fast nirgendwo sonst im dichtbesiedelten Mitteleuropa, auf langen Wanderritten die Nöte des Alltags vergessen und reduziert auf das Wesentliche - den nächsten Galopp, den schmerzenden Hintern und die nächste Rast - einen neuen Weg zu sich selbst und cowboymäßiger Gelassenheit finden. Das ist fast so schön wie in Arizona. aber viel, viel billiger.

Nie sind mehr als 25 Gäste auf dem weitläufigen Hof und nie mehr als sieben Zivilisationsmüde, die sich auf einen Ausritt begeben, um sich abends bei ökologisch angebautem Rotwein und einem opulenten toskanischen Büfett das tollste Reiterlatein zu erzählen. Aber die Erlebnisse einer Reiterwoche in der Toskana sind auch ohne Übertreibungen aufregend genug.

Es ist der erste Tag, und die Neulinge werden in einem Corral in die Grundbegriffe des Westernreitens eingewiesen. Dabei ist auch eine Hand voll Kinder. die hier mit ihren Eltern Ferien machen. Denn auch das ist eine Besonderheit im Vergleich zu anderen Reiterhöfen: Hier dürfen schon Zehnjährige mit auf die Wanderritte, wenn sie denn genügend Durchhaltevermögen haben.

Fabio, einer der drei Besitzer des ausgedehnten Anwesens, lässt die Urlauber aufsitzen. Manche sind noch nie geritten oder haben die klassische englische Schule gelernt. Aber das versteht jeder: linken Zügel ziehen, und das Pferd geht nach links, rechten Zügel zupfen, das Pferd wendet sich nach rechts, beide Zügel straffen, das Pferd bleibt stehen. Mancher der Neulinge staunt, wie gleichmütig die Tiere alle Übungen mitmachen. Aber rechnerisch hat jedes Pferd auf der Azienda mehr als 22 000 Quadratmeter für sich allein. Wenig Wunder, dass die 55 amerikanischen Quarterhorses, einheimische Maremmanen und Haflinger dank der artgerechten Haltung in kleinen Herden so ausgeglichen sind. Manche sind hier schon seit 18 Jahren im Dienst. Westemreiten in seinen Grundbegriffen ist keine Kunst und ohnehin geht es bei Wanderritten mehr um Kondition als um dressurmäßiges Können. So reiten schon in der zweiten Lektion am Nachmittag auch die Neulinge ins Gelände. Das ist durchaus unüblich beim Reiterurlaub, gehört aber in Cornacchino zur Philosophie. »Es ist selten, dass Gäste Lektionen auf dem Reitplatz verlangen«, erklärt Fabio, »die meisten wollen sich auf Wanderritte vorbereiten, und das Nötigste lernt man auch unterwegs.«

Günther und Sohn Christopher reiten am Nachmittag voran. Sie gehören zu den 50 Prozent Stammgästen der Azienda (acht von zehn sind Frauen) und kennen die Wege in der näheren Umgebung schon aus früheren Urlauben. Aber als die kleine Gruppe mitten im Wald eine Anhöhe hinaufreitet, halten auch sie ehrfürchtig inne. Auf der Kuppe steht eine kleine Gruppe dunkelbrauner Maremmanen: »Wilde Pferde«, ruft Sabine, die eine der neun angestellten Reitlehrer, »keine Angst, wenn sie uns zu nahe kommen, fangt ihr einfach an zu singen und mit den Armen zu wedeln. Dann hauen die schon ab. Und den letzten beißen die Hunde.« »Na, prima«, konstatiert lakonisch Sven, »dann macht euch mal keine Gedanken.« Der Computerexperte aus Köln reitet am Ende der Gruppe. Nach drei Tagen Training vormittags und nachmittags geht es mindestens zwei Stunden zu Pferde steile Berghänge hinauf, über schmal Saumpfade und enge Schluchten - kommt es für einen Teil der Gruppe zur Krönung des Reiturlaubs: Die Satteltaschen werden gepackt mit Proviant, Regenschutz und Sonnencreme,. Fotoapparat und Badehose, und es geht auf einen dreitägigen »Schnupper-Trail«, eine Spezialität der Azienda - ein Wanderritt zum Ausprobieren. Maurizio, der Reitlehrer, gürtet zusätzlich eine Machete an den Sattel, denn vor den Reitern liegen 90 Kilometer durch teils unwegsames Gelände, dichte Macchia, ausgetrocknete Flussbetten und unzugängliche Waldgebiete. Unvergessliche Erlebnisse, von denen die Reiter abends auf dem Hof den Dagebliebenen enthusiastisch berichten.

Am nächsten Tag sieht man Birgit und ihre Tochter Marina auf zwei Haflingern vom Hof reiten. Fröhlich winkt die Kleine. Das Meer kann warten.

ANDREAS HALLASCHKA

Stern 42/1999

Reiterferien all inclusive

Westernreiten auf den gut ausgebildeten und charakterfesten Pferden der »Azienda Monte Amiata« ist auch für Anfänger und Kinder geeignet. Besonders beliebt ist die Schnupper-Trail-Woche mit einer mehrtägigen Ausbildung im Westernreiten und einem Dreitage-Ritt (1118 Mark). Ein einwöchiger Trail (zum Meer, in die Berge oder auf den Spuren der Etrusker) kostet ab 1396 Mark. Dafür gibt es Vollpension. Weitere Kosten fällen nicht an.

Zu buchen beim Spezialveranstalter

»Pferd & Reiter«, Rader Weg 30a, 22889 Tangstedt,
Tel.: 04H0 76 69-0 Fax: 040-6 0719 80

(erreichbar: Mo 9-19 Uhr, Di-Do 9-16 Uhr, Fr 9-14 Uhr)

Intemet: www.pferdreiter.de; mail: hallo@pferdreiter.de


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