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| Zwei Welten im Karst: Das Lipizzaner-Gestüt in Slowenien - ein Ritt über Höhen und Höhlen Die Geschichte könnte handeln von Einhörnern,
die ihr Horn verloren haben; von tanzenden Elfen, die sich in Dunst auflösen;
von magischen Bäumen; von Grotten und Höhlen; von kleinen Völkern
und von Menschen, kompakt wie die rote Erde, die sie bearbeiten. Sie muss
aber zunächst erzählen von der ernüchternden Wahrheit,
die in jedem Märchen steckt, von Desillusionierung und der Hoffnung,
die entsteht, wenn der sichere Blick in die Zukunft nostalgische Wehmut
überwindet.
Der Kuss des Hengstes Damals, das klingt in Jasnas Erklärungen mit, stimmten die Touristenzahlen im Lande noch. Immerhin bis zum Beginn des Balkankrieges 1992, späte Folge von Titos Tod, war das so. Da kamen 300 000 Besucher jährlich ins kleine Land zwischen Italien, Österreich, Ungarn und Kroatien. 82 000 sind es heute, obgleich Slowenien von diesem Krieg nicht betroffen war. Aber die Medien, das ist die Erfahrung allenthalben, pressen Regionen gleichsam zusammen. Einer, der eine Reise ins Ausland plant, hat schlimme Nachrichten im Kopf und schaut nicht auf die Landkarte, woher genau sie kommen. Der Eindruck trügt also ein wenig, wenn Busse auf dem Parkplatz vor dem "Hotel Maestoso" ihre ergraute Fracht ausspucken, meist Rentner aus Italien, aus Deutschland oder dem eigenen Land auf Kaffeefahrt, wenn Hundertschaften die Stufen im Hippodrom des Gestüts erklimmen, um die weißen Pferde tanzen zu sehen, Walzer und Märsche im Takt mitklatschen und darüber staunen, dass so mancher Hengst das Geräusch aufeinanderschlagender Handflächen und blitzender Kleinbildkameras zum Anlass nimmt, nicht nur dressurmäßig bei der Capriole auszufeuern, sondern vor Schreck. Solche Besichtigungen sind überlebenswichtig für das Gestüt, denn verkauft werden die edlen Pferde nicht, solange nicht, bis das Zucht-Plansoll von 350 Pferden erfüllt ist. Umgerechnet neun Millionen Mark werden jährlich durch Besucher und Gäste eingespielt. Darüber, wie viel der Unterhalt des Gestüts kostet, wird allerdings beharrlich geschwiegen. Auch Milan Bozic, von Staats, wegen bestallter Herr über 311 Hektar Land, 275 Pferde, 20 Bereiter und Praktikanten, etliche Stallpfleger, Arbeiter und das Personal zweier gestütseigener Hotels samt Gastronomie, dieser ansonsten redselige Mensch, dessen Hengst ihm den Zucker von den Lippen küsst, übergeht die Frage danach. Staatlich ist Lipica, anerkanntes Kulturerbe, aus öffentlichen Geldern mit 15 Prozent unterstützt und zur Gewinnmaximierung angehalten. Es steht also künftig zu fürchten: Noch mehr Busse und Ferienreiter und Nicht-Reiter, die sich in Lipica momentan noch fühlen dürfen wie im Märchen. Denn abseits des Hippodroms oder der Snack-Bar des Hotels "Maestoso" verzweigen sich die' Wege auf dieser Insel der Seligen, verlieren sich die Menschen, umhüllt vom Duft unzähliger Akazien- und Holunderblüten, unter den Linden, lipe, die Lipica den Namen gaben, unter Eichen und Kiefern; verschwinden hinter dem hohen Gras der Wiesen, Märchenwiesen mit Blumen, die hierzulande weitgehend weggedüngt wurden, Wiesenschaumkraut, Lichtnelken und Storchenschnäbeln, Taubnesseln und Orchideen. Treffen allenfalls wieder aufeinander bei einer Senke, wo in Weiß und Blau und lichtumkränzt eine Madonna über magische Eichen wacht. Sie wurzeln in magnetischen Feldern. Kribbeln in den Füßen und Fingerspitzen. Solche Sensationen hat wohl auch Cornelius Conte Grünne unter den alten Bäumen verspürt, ein Rittmeister, geboren 1848, an den eine Gedenktafel am Felsen erinnert. Die magnetische Energie habe ihn von einer schweren Krankheit geheilt, heißt es, was aber nicht verhinderte, dass er im Alter von 27 Jahren starb. Auch Einheimische kommen hierher, einige schleppen sich sogar auf Krücken die Stufen hinunter, um der Madonna Kerzen und Blumen zu spenden. Weiter gehen sie nicht nach ihren Gebeten, schreiten nicht die Allee voran Richtung Grenze zu Italien, wo sich die Gehölze immer dichter und bizarrer winden über Blumen- und Kräuterinseln und auf einer Lichtung plötzlich ein weißes Fabelwesen auftaucht. Mit metallisch glänzendem Fell, mit silbriger Mähne und eben solchem Schweif, sanften braunen Augen über kühn gebogener Nase plötzlich unter Bäumen. Stolz trägt es den Kopf über wuchtigem Hals, der in einen Torso verläuft, welcher sich zu einer gut bemuskelten Kruppe rundet. Ein Traumbild? Emblem eines Romantikers, lebendig geworden? Es ist einer der älteren Lipizzanerhengste, dessen Fell bereits weiß ist. Das Fell seiner jüngeren Kameraden, die sich um die Tränke der wild-romantischen Hengstkoppel drängen, das der Jährlinge zumal, lässt seine künftige seidige Pracht noch nicht erahnen. Denn wie die Schwäne kommen Lipizzaner dunkel zur Welt. In schmutzigem Grau oder Braun. Aber schon manche der jüngsten Fohlen tragen dies ' en edlen gebogenen Kopf, die Ramsnase, die dieser Pferderasse ursprünglich eigen ist und leider zugunsten des gefälligeren geraden Nasenrückens unter Arabereinfluss immer mehr weggezüchtet wird. Namen tragen sie, und Stammbäume haben sie, die Ehrfurcht gebieten. Die Ahnentafel eines jeden von ihnen lässt sich zurück verfolgen zu den sechs Urhengsten Pluto, Conversano, Neapolitano, Maestoso, Favory und Siglavy, die sich zwischen 1765 und 1810 herausbildeten und zusammen mit 16 Stutenstämmen die Vorfahren aller reinblütigen Lipizzaner ausmachen. Das kleine Slowenien mit seinen drei Millionen Einwohnern ist Urlipizzaner-Land. Und muss sich schwer als solches behaupten. Die Wechselfälle der Geschichte ließen sie leicht am Schicksal des Gestüts ablesen, das 1580 vom österreichischen Erzherzog Karl gegründet wurde und somit zu den ältesten Gestüten der Welt zählt. Kriege, Evakuierungen, Wiederaufbau. Aber manches lässt sich nicht mehr revidieren. Seit dem Niedergang Kakaniens im Ersten Weltkrieg ist nicht mehr Lipica, sondern Piber in der Steiermark der Pferdelieferant der Spanischen Hofreitschule zu Wien. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen 1947 nur elf Pferde von ihrer zeitweiligen Aussiedlung nach Lipica zurück. Besonders seit jener Zeit machen Lipizzanergestüte in Ungarn oder anderswo Lipica Konkurrenz, obgleich die Gestüte ihre Deckhengste austauschen, um der Inzucht entgegen zu wirken. Denn es gibt nur 3000 reinrassige Lipizzaner weltweit. Sanft sind sie, diese Hengste; die zum Inbegriff des
Barockpferdes wurden. Sanft und verschmust, solange sie sich auf der
Weide und in der Box freundlich und neugierig dem Menschen zuwenden.
Lipizzaner sind anders als andere Pferde. Sie mögen keine Bananen
und erweisen sich gelegentlich als wahre Rassisten: Den braunen Warmblüter
beißen sie weg. Wie ständig unter Strom fühlen sie sich
unter dem Reiter an – Zeitzünder, kurz vor der Explosion mit enormer
Schubkraft. Lipizzaner bewegen sich so ganz anders als man es von Warmblütern
kennt, die heutzutage die internationalen Dressurwettbewerbe dominieren.
Geht ein Warmblut raumgreifend vorwärts, hat man auf einem gut
ausgebildeten Lipizzaner das Gefühl, bergauf zu reiten. Diese aufwärts
strebende Aktion der Beine, zurückzuführen auf die Bewältigung
steiniger Pfade, prädestiniert ihn nicht nur für die schwierigsten
Lektionen der Hohen Schule, sondern macht auch seine unvergleichliche
Eleganz aus. Eine Noblesse, die sich erst allmählich wieder im
Reitsport behauptet. Das Barockpferd ist auf einschlägigen Wettbewerben
aus der Mode, aber in Lipica gibt man sich mit wachsenden Turniererfolgen
zuversichtlich: "Die Zeit des Lipizzaners wird kommen." Pferdeland Lipica ist in Karstland auf mineralhaltigem Boden und weißem Kalkstein gebaut, auf Bergen und Senken, wie sie ein mächtiger Riese aufgeworfen und eingedrückt zu haben scheint. Vor zwei Dingen ist dieses Land geschätzt, vor Erdbeben und Überschwemmungen. Wasser und Flüsse gibt es hier nicht, oberirdisch zumindest. Die Berge und Täler im Karst wellen sich, eine höchst befremdliche Vorstellung, über Höhlen, die allerdings nicht nur die Wasserversorgung des Landes und seine Statik sichern. Was, wenn der Hügel, auf dem man wandert, plötzlich nachgäbe und einsänke? In etwa zwei Millionen Jahren rechnet man mit dem nächsten Einsturz einer Decke über der Grotte von Skocian. Zeit genug, also. Der Karst offenbart zwei Welten, die über der Erde, satt und grün im Frühling, gelb gepunktet von Ginster, braun und glühend rot im Herbst, wenn sich die münzrunden Blätter der Cotinus-Sträucher färben, mit malerischen Steindörfern auf den Anhöhen zwischen üppig wilder Vegetation und inmitten von Weinbergen. Dort gedeiht der Teran in roter, schwerer Erde, ein kräftiger Roter, der die Menschen hier steinalt werden lässt. Nur die Zisternen mit ihren gusseisernen Aufsätzen überall verweisen auf den unsichtbaren Untergrund, ohne dass sich seine verborgenen Schätze erahnen ließen. Zauberland unter Tage. Die Phantasie der Menschen schlägt Brücken zwischen Unter- und der Oberwelt- Die Einwohner von Vilenica sehen im Herbst, wenn die Nebel aufziehen, am Eingang der Höhle Feen, vile, tanzen. Federleicht wie schwirrende Schwaden, sich blitzschnell verflüchtigend beim geringsten Sonnenstrahl. Im Sommer scheinen sie tief drunten zu wohnen, in den dunklen Grotten und nur darauf zu warten, dass einer wieder eine Geschichte über sie schreibt wie einst Heinrich Heine oder dass sie in einem Ballett wie der "Giselle" als Wilis im Mondschein tanzen können, verzauberte Mädchen, die an gebrochenem Herzen starben. Die Gewölbe, in denen sie umher geistern, gleichen allerdings eher der Kulisse für heidnische Museen oder pompöse Operninszenierungen als der eines romantischen Balletts. Üppige Faltenwürfe schmücken die Wände, gedrechselte Säulen und Riesenmorcheln strecken sich empor, da grinst eine Teufelsmaske aus Stein, nicht weit davon kreiselt eine Ballerina, Schwerter, Blätter, Vogelschnäbel, eine Madonna im Mantel, ja, und da eine ganze Kapelle mit Altarbild. Kein Baumeister, kein Bühnenbildner hätte ähnlich viel Einfallsreichtum, wie das, was in Jahrmillionen aus stetem Tropfen und höhlendem Stein zu Tropfstein aus ' Decke und Boden bis zu 95 Meter tief gewachsen ist. Das Rot der Karsterde schimmert in den Versteinerungen wieder, vermengt mit kristallenem Weiß und dem Anthrazit verschiedener Mineralien. Stellenweise ziehen sich Flechten über die feuchten Wände, Heuschrecken leben hier und Fledermäuse, nahe dem Höhlenausgang, wo sich die Flora wiederum in zwei Welten teilt: Unten, wo es kalt ist, wächst Alpines, den Felsen empor und dem Licht zugewandt, Mediterranes. Schön ist das, wie das ganze noch grüne Land mit seiner roten Erde, seinen Elfen und seinen tanzenden weißen Pferden. Eva-Elisabeth Fischer – Süddeutsche Zeitung Anreise: Lipica ist am besten zu erreichen mit dem eigenen Wagen oder mit dem Flugzeug nach Triest oder Ljubljana und dann per Hoteltransfer (60 Mark ab Triest) zu den gestütseigenen Hotels. Lufthansa fliegt von München täglich nach Triest oder Ljubljana, Kosten ab 444 Mark. Anfahrt mit der Bahn: über Triest, Sezana oder Divica. Für Ausflüge in Lipica nimmt man am besten einen Mietwagen. Auskünfte und Buchung: Pferd & Reiter, Internationale Reiterreisen, Rader Weg 30 a, 22889 Tangstedt, Tel.: 040/607669-0, Fax: -31, email: hallo@pferdreiter.de, Internet: www.pferdreiter.de
Unterricht wird in drei Kategorien erteilt:
Anfänger und Fortgeschrittene (jeweils 70 Mark pro Stunde ä 50
Minuten) und Dressurstunden (110 Mark). Wie zufrieden die Gäste in
Lipica mit dem Gebotenen sind, belegt, dass viele von ihnen wieder kommen.
Reiter, die sich in der Dressur bis Klasse L qualifiziert haben, können
in Lipica ein Praktikum von zwei bis vier Wochen Dauer absolvieren, was
nicht nur den Einblick in die tägliche Praxis vertieft, sondern darüber
hinaus den Aufenthalt enorm verbilligt. Eine Woche Hotel kostet dann je
nach Saison zwischen 348 und 378 Mark. Als Gegenleistun für die Arbeit
im Stall bekommt man täglich eine Reitstunde.
Nicht-Reiter können auf sechs Sandplätzen und
einem Hartplatz Tennis spielen oder sich auf dem Neun-Loch-Golfplatz,
beim Minigolf, Wandern, Radfahren, Saunen oder Schwimmen im hoteleigenen
Pool vergnügen. (Die Adriaküste ist nur 45 Kilometer entfernt.)
Die beiden Hotels in Lipica, das Maestoso und das Clubhotel,
bieten gehobenen Komfort: Alle Zimmer haben Mini-Bar, Fernsehen und offenbar
erst vor kurzem renovierte Bäder. Auch wenn bei Halbpension abends
meist mehrere Hauptgerichte zur Auswahl stehen und ein Salatbüffet
angeboten wird, kann man weder das Hotel-Restaurant noch die Snackbar
als Gourrnet-Tempel bezeichnen. Dafür sind die Speisen preiswert,
eine durchaus genießbare Riesenpizza kostet umgerechnet 6,50 Mark.
Außerdem ist ein passabler Italiener an der Gestütsgrenze in
15 Minuten zu Fuß erreichbar. Das gesparte Geld kann, wer mag, ins
Spielcasino beim "Maestoso" tragen. Den Aufenthalt in Lipica kann man direkt buchen. Preiswerter
ist allerdings die Pauschalbuchung über den Veranstalter "Pferd &
Reiter". Darüber hinaus sind Reise und Aufenthalt perfekt organisiert.
Eine Woche kostet dann pro Person, je nach Unterricht, zwischen 745 (ohne
Anreise) und 1887 Mark (inklusive Linienflug). Verlängerungen sind
möglich. (Adressen siehe oben). E.-E.F.
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